H-Boot Semper Fidelis in London

Es ist Sommer und Semper Fidels will auf Törn (oder ihr Eigner?). Mitte Juli starte ich mit dem Gespann nach Hellevoetsluis am Haringvliet/Scheldedelta/Niederlande, um von dort - vielleicht - nach London zu segeln. London, Tower Bridge, mal schauen, ob’s klappt. Seeklarmachen, jede Menge Ausrüstung und Versorgung kommen an Bord des ansonsten leeren Regattaboots. Und schließlich geht es bei Sonnenschein und “moderate breeze“ los. Zuerst durch die Goereese Sluis bei Stellendamm, dann ins Slijkgat und danach auf die freie See Kurs Ramsgate/SE England. Durchatmen, Boot läuft, alles prima. Doch die Freude währt nicht lange. Gegen Abend wird es ungemütlich, sehr ungemütlich. Längst ist das 1. Reff eingebunden und bald ist das zweite fällig, aber ich zaudere. Durch die hoch und steil werdende See komme ich nur mit reichlich Press im Rigg. Folge: eine mordsmäßige Krängung. Jede Menge Wasser fliegt über Deck, die Sicht wird schlechter, die Navigation unter Deck wird schwieriger  ...

Für den ersten Törntag wünscht man sich das so nicht und deswegen wird zur Abkürzung der Unbequemlichkeit der Kurs auf  Zeebrugge geändert. Im zweiten Anlauf nach Ramsgate weht es zunächst wieder kräftig und nachts, mitten im VTG (Verkehrstrennungsgebiet = Großschifffahrtsweg) herrscht Flaute. Na prima. Die Begeisterung sinkt ein wenig. Nun, auch das ist am anderen Morgen überstanden und Ramsgate empfängt mich mit strahlendem Sonnenschein. Schnell ist ein Liegeplatz gefunden - wenn auch mit Schwell durch die ständig ein- und auslaufenden Lotsenboote - und die Formalitäten werden erledigt. Einklarierung nicht erwünscht! Ich wundere mich.

Am nächsten Tag geht es in die Themse. Nach Passieren des Lth North Foreland geht es NW vorbei an Margate Sand und südlich von Long Sand – beides trockenfallende Sandbänke – in den Princes Channel. Für Yachten ein recht sicheres Fahrwasser. Nun kreuze ich in die riesige Mündung der Außenthemse, ähnlich der Deutschen Bucht bei Elbe 1. Die Großschifffahrt bevorzugt die zwei nördlicheren Einflugschneisen Kings Channel und Black Deep während sich für die Sportschifffahrt die von mir gewählte südlichere anbietet. Später vereinigen sich alle Fahrwasser zu The Warp, dann wird’s erst interessant. Vormittags erreicht mich wieder eine Flaute und es ist schwer die Position bei gekentertem Strom zu halten. Da bin ich froh, als der Wind nach stundenlangem Warten (es kommt einem ja immer viel länger vor, als es wirklich dauert) auffrischt und es wieder flott voran geht. Kurz nachdem ich die rostigen Kunstwerke Shivering Sand Towers passiert habe, muss ich schon wieder reffen. Und ein Hack steht hier, dass ich mich wundere und Strom gegen Wind kommt noch erst! Jede Menge Dusche mit auffallend schmutzigem Wasser. Am späten Mittag sehe ich die  ersten Verladeeinrichtungen an den noch weit entfernten Ufern, ich komme also voran. Irgendwann gerate ich bei mühseligstem Aufkreuzen gegen Wind und Tide in ein Scharmützel mit einem Containerdampfer namens Pollux/St. Johns. Netter Skipper; er kann sogar zickzack fahren. Da soll ein unbedarfter Segler wissen, dass er nicht mit 2/3 der Fahrwasserbreite auskommt? Tja, als eine Viertelstunde später ein blaues Schnellboot mit riesiger Bugwelle auf mich zukommt, weiß ich was fällig ist. Aber das Gespräch mit den Bobbies verläuft angenehm, während ich das Boot beigelegt halte.

Die Herren sind freundlich und akzeptieren meine Stellungnahme. Man muss eben auch mal überzeugen können. Von jetzt an wird – wie versprochen - Funkwache gehalten. Bis zum Sonnenuntergang will ich noch segeln und dann eine Mooring nehmen, wenn vorhanden. Aber das klappt wunschgemäß und die Nacht verbringe ich gemütlich an einer scheuernden Mooringtonne im Schwell der stromab ziehenden Großschifffahrt, romantisch eingerahmt von rostigen Eisenprahms, Behördenschiffen, Schleppern und Hulken. Frühmorgens geht es dann mit der Tide weiter stromauf, etwa nach der QE2-Bridge – der einzigen Brücke bis London City - macht das Aufkreuzen dann keinen Spaß mehr, es wird enger und es gibt viel Abdeckung. So wird das letzte Drittel motort, auch der sicher verändernden Berufsschifffahrt wegen, schließlich bin ich mit reichlich 4 PS ausgestattet (!). Und das Thames Tidal Barrier darf ich eh nur unter Motor passieren, nach vorheriger Anmeldung bei London VTS per VHS (UKW-Funk). Eine überschlägige Schätzung sagt mir, dass der Sprit knapp werden könnte. Doch Marina-Tankstelle am Ufer? Fehlanzeige. Yachtclubs? Nur Moorings = kein Landzugang ohne Beiboot. Also sparsame Marschfahrt. Am Ende bleibt ein 5l Kanister unberührt, als ich mittags zufrieden am Anleger der Limehouse Marina mitten in London festmache.

Ein Wahnsinnsschwell von ungeheuer schnell fahrenden Speedbooten, die je ein gutes Dutzend Touris oder mehr über die Themse heizen. Glaspaläste, die einen erstaunen lassen.  Welch skurrile Formen Architekten erfinden können. So habe ich London nicht in Erinnerung. Es hat sich viel verändert, phantastisch, manchmal irre. Die Vorbeifahrt an Greenwich verblasst da. Nach dem moselähnlichen Geschlängel der letzten Meilen vor London City wird die Themse dann wieder ein bisschen breiter, gesäumt von Luxusappartements auf alten Fundamenten. Vor der Schleuse der Limehouse Marina warte ich nur kurz im kabbeligen Schwell, denn Collin der Schleusenmeister hat mir nach vortägiger Absprache, passend auf meinen Tiefgang, eine Sonderzeit zur Schleusung eingeräumt. Nettes Entgegenkommen. Die Sache hat aber einen Haken. Ich muss durch eine unvorstellbare Müllkippe fahren, die vor dem Schleusentor schwimmend verharrt. Die Schleusenmauern sind furchtbar und für die Einhandbedienung nicht wirklich geeignet. Nach dem Schleusengang sind Schiff und Leinen für einen Vollwaschgang fällig. Eklig. Aber dann wird drinnen alles gut. Ich bekomme einen ruhigen Liegeplatz in der Gesellschaft zahlreicher Narrowboats (Hausboote in passenden Kanalmaßen für die Umgebung) und die keramische Abteilung ist vorbildlich. Na geht doch. 1 ½ Tage Reisezeit für die Themse, da bin ich zufrieden. Dann kommt eine Freundin mit dem Flieger zu Besuch und ein paar schöne Tage Sightseeing beginnen. Wegen ungünstiger Tide- und Windverhältnisse wird mein Auslaufen um 1 Tag verschoben und so ist ein Besuch von Stonehenge mit dem Bus möglich. Sehr ergreifend.

Nach London soll es in den Englischen Kanal gehen. Da Gabi vom SKS ihren Londontrip mit Tochter beendet hat, segelt sie ein paar Tage auf Semper Fidelis mit. Jetzt geht es mit der Tide gemütlich stromab bis zu den Mooringtonnen der Enbankment Marina. Morgens kommt eine Barkasse mit 3 Senioren des Mooring Sailing Club zum Plausch längsseits. Von hier aus segeln wir bei Sheerness in den River Medway, um bei Queenborough im West Swale vor Mooring zu übernachten. Mit dem Clubshuttle gelangt man bequem an Land. Aber die muschelbewachsene Mooringtonne macht bei gekenterter Tide in der Nacht mächtig Ärger. Sie hinterlässt ärgerliche Zeichen am Vorschiff, leider.

Dover wird am folgenden Tag bei den vorherrschenden Wind- und Stromverhältnissen nicht geschafft und so ist in Ramsgate der Segeltag zu Ende. Am nächsten Tag steht dafür Eastbourne oder Brighton auf dem Plan, aber da habe ich die Rechnung ohne Rasmus gemacht. Es brist mächtig auf, es steht ein Seegang gegenan, der nicht von schlechten Eltern ist und die Sicht wird zunehmend schlechter. Noch geht es aber und schnell ist wieder das 1. Reff eingebunden. Ein nicht allzu gemütlicher Tag, der Gabi zeigt, wie schön H-Boot-Segeln auf der SW-Nordsee sein kann, Salzdusche in dichter Folge inklusive. Dover wird angesteuert  und die Gentlemen von Dover Port Control lassen uns unter Segeln das Eastgate passieren.

Eine Ausnahme, vermutlich der gemütlichen Verhältnisse wegen. Im riesigen Vorhafen, die großen Fähren gut frei an Stb-Seite, werden dann die üblichen Vorbereitungen getroffen und per Anmeldung über channel 80 wird ein Liegeplatz im Tidal Harbour angewiesen. Soweit so gut, aber das Wetter wird nicht besser, selbst im Hafen neben den Fähranlegern steht am nächsten Tag Brandung und die Ausfahrt (Gate west) ist kaum zu erkennen; West 7 Bft mit waagerechtem Regen. Am dritten Tag wird es Gabi zuviel mit dem freundlichen Wetter und sie reist per Fähre Heim. Kann ich verstehen, soviel Sightseeing-Objekte bietet Dover nach Besuch des großen Castle nicht. Erst am vierten Tag kann ich weiter und was erwartet mich draußen? Natürlich Gegenwind, der im Verlauf des Tages derart auffrischt, dass mein Wunschziel Brighton nicht zu schaffen ist.

Eastbourne ist ein willkommener Ausweichhafen, doch ich gerate bei der Ansteuerung mit unsicherer Position in die vorgelagerten, berüchtigten overfalls, etwa nördlich von Lth Royal Souvereign. An dem Tag habe ich gestaunt, was das Boot für einen Seegang aushält. Ich bin froh, als ich die Segel vor der Einfahrt in das sehr schmale Wattfahrwasser zur Schleuse der Marina Souvereign Harbour bergen kann.

2 Tage später traue ich mich bei nachlassendem Wind und guter Wetterprognose wieder hinaus, mit dem Ziel Isle of Wight. Zuerst erlebe ich Flaute und dann wieder hart West im Bereich von Beachy Head. Nun bin ich die Bolzerei echt leid, hake deshalb die Isle of Wight kurzerhand ab und segle südlich mit Kurs auf Honfleur an der Küste der Normandie. Das ist eine schöne 24h-Strecke und da wollte ich mal wieder hin. Aber auch jetzt hat Rasmus noch Anderes mit mir vor. Wegen des nun halb bis raumen Starkwinds und des entsprechend großen Gierwinkels des Pinnenpiloten berge ich vorsorglich das Großsegel in der Hoffnung, gemütlich unter Fock die Strecke zu bewältigen. Eine Neuberechnung meiner Ankunftszeit ergibt aber ein sehr unvorteilhaftes ETA für Honfleur: innerhalb  der nicht bedienten Schleusenzeit, an trockenfallenden Dalben warten zu müssen, bei Dunkelheit, allein. Nein danke. Kursänderung auf Dieppe, etwas östlicher. Dieppe kann bei jeder Tide angelaufen werden. Der Hafen hat keine Schleuse vorgelagert. Man kann hineinsegeln. Wie sympathisch, denke ich … bis ich gegen 01.00 die tatsächlichen Verhältnisse erlebe. Noch im Hafen herrscht so viel Schwell, dass ich mich kaum aufs Vorschiff traue, um das Anlegemanöver vorzubereiten. Erst weit binnen kann ich die Fock bergen, den Jockel anschmeißen usw., usw., aber rasch bitte!

Das Städtchen ist nett zu durchschlendern. Wegen des verschlafenen Morgens wird das Frühstück mittags in einem typischen Bistro an der Promenade eingenommen. Normandie pur, Urlaubsfeeling. Die Wanderung auf die Klippen zur Chapelle Notre Dame de Bonsecours, die früher als Peilobjekt den Seefahrern den Heimweg gewiesen hat, eröffnet einen Blick auf die raue See, die sich heute hart an der Steilküste bricht. Schlechte Sicht. Wie gut, dass ich nicht ausgelaufen bin. Hafentag, faulenzen. Nicht optimal, aber besser so. Am nächsten Tag verabrede ich mit meinen Stegnachbarn aus Dunkerque und ihrer nagleneuen, hübschen First 35 ein Privatrennen nach Boulogne sur mer, 55 sm. Wir wollen gemeinsam gegen 08.00 starten und ... sie müssen mindestens 1 ½ h – 2hvor mir eintreffen, sonst haben sie verloren. Der Himmel ist freundlich, aber unterwegs brist es wieder auf und das gewohnte Reff wird 12 sm vor dem Ziel fällig. Der Seegang nimmt zu und auf den letzten 2 sm vor Boulogne sur mer macht mir eine steile und hohe Kreuzsee mächtig zu schaffen. Ich habe großes Glück, dass mir ein mächtiges Ding – urplötzlich hoch und neben dem Cockpit – nicht eingestiegen ist. Wäre bestimmt nicht angenehm geworden … Tatsächlich waren die beiden Franzosen nur knapp 1 ½ h vor mir angekommen. Okay, wir haben das als unentschieden gewertet und einen netten Spätnachmittag in einem ungewohnt riesigen Cockpit verbracht … je länger die Tour dauert, je besser wird mein mieses Französich.

2 Tage später breche ich nach Dunkerque auf. Der erste Teil ist hartes Aufkreuzen bei N 6 Bft bis hinter Cap Gris Nez. Die Tide läuft mit und so ist es eine schnelle Teilstrecke. Bei Calais wird der Wind moderater, die Fähren können leicht ausgesegelt werden und bei Wind aus NE-E kann bereits am späten Nachmittag die Schwerindustrie mit der Nase wahrgenommen werden. Am frühen Abend zeigen sich die Hochöfen von Dunkerque. Die Navigation im küstennahen Fahrwasser ist nicht schwierig, die Seekarte verweist auf “buoyed channel“. Als ich mich bei Dunkerque Port Control anmelden will, funktioniert mein Handfunkgerät nicht. Große Ratlosigkeit. Spätere Telefonate mit vermeintlichen Servicestellen ergeben: Akku kaputt. In meiner Verzweiflung entwickle ich Aktionismus und … entdecke Korrosion an den Ladekontakten … Problem erkannt, Problem gebannt. Nach kurzem Ladevorgang geht das Ding wieder. Juhu! Und ab …

… auf den Heimweg via Zeebrugge! Das Auslaufen aus Zeebrugge verhindert zunächst ein Polizeikreuzer, der das Hafenbecken sperrt. Ein Gastanker läuft unter riesigem Schlepperaufgebot in Zeitlupentempo ein = 2 h wertvolle Zeit mit günstigem Tidestrom verloren. Ich bin ein Glückspilz. Dann kann endlich Nordkurs eingeschlagen werden und wie könnte es anders sein, der Wind dreht selbstverständlich auch auf nördliche Richtungen, mal NNW, mal N, mal NNE. Scheveningen soll mein Tagesziel sein, damit ich tags darauf über Den Helder ins Ijsselmeer komme, wo 2 Wochen später der von mir organisierte Flottillentörn der H-Boot-Klassenvereinigung stattfindet. So der Plan. Ich muss mich allerdings sputen, denn für das vor mir liegende Wochenende ist zuerst Gewittersturm und anschließend Sturm angekündigt.

Danach soll es Flaute geben. Nicht beruhigend, aber vielleicht bin ich ja vorher im Ijsselmeer. Meine Begeisterung kennt kaum noch Grenzen, als ich schon bald wieder das 1. Reff einbinden darf und wenig Strecke über Grund schaffe. Gegen Mitternacht entschließe ich mich, Hellevoetsluis anzulaufen und per Trailer ins Ijsselmeer zu verholen. Ich bin die Zeitverschwendung wegen mieser Windbedingungen leid. Ab geht’s ins Slijkgat mit östlichem Kurs, natürlich dreht nun der Wind ebenfalls östlich, natürlich. Hier steht nun ordentlich Hack. Vor solchen Verhältnissen warnt das Hafenhandbuch ausdrücklich, aber ich kann’s mir nicht aussuchen. Ist ja dunkel, da sieht man die Grundseen nicht; habe auch keine erwischt. Gott sei Dank. Gegen 02.00 bin ich an der Goereese Sluis bei Stellendam und ganz  selbstverständlich werde ich einsam und alleine durchgeschleust. Anschließend darf ich das ruhige Wasser im Haringvliet genießen und fahre gemütlich unter Motor die letzten 3 sm bis Hellevoetsluis. Um 04.00 sind die Leinen fest. Erst nach einer guten Mütze Schlaf erwartet mich Hafenmeister Mirko freundschaftlich, erkundigt sich nach meinem Törn und meinen weiteren Plänen. Am anderen Tag geht es per Trailerfahrt nach Lelystad in die FlevoMarina, wo ich mein Boot für 2 Wochen lasse, bis der schon erwähnte Flottillentörn beginnt.

667,4 sm hat Semper Fidelis im Kielwasser gelassen; es waren nicht die leichtesten. Der Themse geschuldet sind davon 91,6 sm unter Motor zurückgelegt worden.

Fazit: … aber schön war es doch!

Michael Röhrig, H-Boot GER 1176, “Semper Fidelis“

Ulrich Haase,

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